Weniger perfekt und bequem

Auf die Publikumsfrage, warum sich insbesondere junge Menschen heute immer weniger ehrenamtlich engagieren, antwortete der Bundesinnenminister Thomas de Maiziére beim Frühjahrsempfang der Jungen Union am vergangenen Mittwoch im Berghotel Wilder Mann in bemerkenswert persönlicher Weise. Für ihn ist dieses überall zu beobachtende Phänomen gleichbedeutend mit der ebenso sehr schwach ausgeprägten deutschen Bereitschaft Kinder zu bekommen und groß zu ziehen.

IMG_3051Noch nie gab es in Deutschland so viel finanzielle Unterstützung für Familien in den verschiedensten Formen als im Moment. Trotzdem sinkt die Geburtenrate, außer natürlich in Dresden. Offensichtlich hat das Kinderkriegen weniger mit Geld zu tun als viel mehr mit Zukunftshoffnung. Viele denken auch hier zu perfektionistisch. Alles muß erst absolut stimmen und ausgelotet sein, bevor es losgeht. Ein deutsches Wort, das unseren europäischen Nachbarn am meisten missfällt, ist Gesamtkonzept. Alles muss möglichst umfassend vorausgeplant und für die nächsten Jahrzehnte durchdacht sein.

Als sein Vater 1944 aus dem Krieg nach Hause kam, so Thomas de Maiziére, sagte er zu seiner Mutter: ich bin verwundet, Deutschland wird den Krieg verlieren, ich werde arbeitslos sein, willst Du mich heiraten? Und sie hat ja gesagt und ein Jahr später wurde seine große Schwester geboren.

Heute leben die jungen Leute immer länger im Elternhaus. Aber nicht im Kinderzimmer, sondern in der Einliegerwohnung, wo der Freund oder die Freundin freien Zugang haben und die Waschmaschine im Hotel Mama läuft. Eltern sollten ihre Kinder deutlicher aus dem Haus drängen, damit sie lernen auf eigenen Füßen zu stehen und Verantwortung zu übernehmen.

Soldaten haben ihn einmal gefragt, wo werden wir in 30 Jahren dienen, wo wird die Kaserne sein, in der wir Dienst tun? Niemand kann eine solche Frage ernsthaft beantworten, aber sie zeugt von einem großen Sicherheitsdenken fast schon Bequemlichkeit. Die Erwartung von der Gesellschaft, dass für jeden alles klar und geregelt sein muß, anstatt selbst Verantwortung für sich, sein Leben und die Gemeinschaft zu übernehmen. Zukunftshoffnung statt durchgeplantes Leben mit Rückversicherung.

Fehlende Bereitschaft zum ehrenamtlichen Engagement hat auch viel mit Selbstzufriedenheit zu tun. Eintreten für etwas, kämpfen und eigenverantwortliches Handeln gehen leichter, wenn man gegen etwas ist oder unzufrieden. Noch nie ging es den Menschen in Deutschland so gut. Eine wunderschöne Situation mit Nebenwirkungen.

Frank Walther, 3. Mai 2014

IMG_3055 IMG_3054

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s