Nachhaltigkeit ohne Umdenken?

Schon seit längerem summt die Nachhaltigkeit durch unsere Gesellschaft. Anfangs neu und faszinierend, nun schon fast als Modebegriff verbraucht, ist sie jetzt auch bei den etablierten Parteien angekommen.

Nachhaltigkeit 29.9 (1)Das der Raubbau an unserer Erde nicht ewig so weiter gehen kann, sieht mittlerweile jeder beim täglich Nachrichtenüberblick. Aber auch die Menschen selbst, verstärkt durch den raschen Strom in die Städte, wollen nicht mehr so weiter leben wie bisher. Es muß noch etwas anderes geben als Hyperkonsum und Beschleunigung.

Angetrieben dem Geist der Gesellschaft zu folgen, aber auch Wähler besonders in den Großstädten zurückzugewinnen, hat der Bundesverband der CDU u.a. die Kommission „Nachhaltig leben – Lebensqualität bewahren“ ins Leben gerufen, um das Thema politisch aufzuarbeiten. Diese Kommision besteht mal nicht aus delegierten Parteimitgliedern, sondern aus berufenen Vertretern breiter Bevölkerungsschichten.

Um der Gruppe den nötigen Anfangsschwung zu geben, wurde am gestrigen Abend zu einer Open Space Diskussion in die Parteizentrale in Berlin eingeladen. Im mit etwa 200 Gästen gut gefüllten Atrium des Konrad-Adenauer-Hauses hielt der Sozialwissenschaftler und Autor des Buches „Selbst denken: eine Anleitung zum Widerstand“ Harald Welzer einen spannenden Eingangsvortrag, der zwar vielen aus dem Herzen sprach aber auch offenbarte, das Nachhaltigkeit eine Floskel bleibt, wenn sie nicht in persönlich verantwortlichem Umdenken mündet.

Die soziale Marktwirtschaft hat uns eine beneidenswert stabile Demokratie mit Selbstverwirklichungschancen für jeden und einen nie zuvor dagewesenen Wohlstand gebracht. Aber wir verbrauchen auch eine nie zu vor erreichte Menge an Energie und Rohstoffen in immer kürzerer Zeit. Die Marktwirtschaft frisst damit ihre Basis. Das erkannte auch schon sein Erfinder Ludwig Erhard vor über 50 Jahren, als er den Tag kommen sah, an dem sich unser Wirtschaftsgefüge einen neuen Sinn geben muß.

Nachhaltigkeit 29.9 (2)Nachhaltigkeit wird dann zur Farce, wenn wie zurzeit nachweislich jegliche Bemühungen Ressourcen einzusparen, durch ein mehr an neuer Aktivität und zwanghaften Konsum aufgezehrt sogar übertroffen werden. Ein Phänomen das auch als Rebound-Effekt bezeichnet wird. Der, der heute verantwortungsvoll ein Passivhaus baut, fliegt dafür mindestens einmal mehr in den Urlaub. Zeit, die ich durch den intelligenten Einsatz moderner Techniken einspare, nutze ich für neue Projekte und Aktivitäten, die meist das eingesparte um ein vielfaches übertreffen. Im übrigen trägt auch dies zur permanenten Beschleunigung unseres Lebens bei.

Die entscheidende Frage, ob Nachhaltigkeit wirklich ein Umdenken wird oder ein leeres Modewort bleibt, wird sein: brauchen wir noch Wachstum? Egal wie man es dreht oder mit dem Öko-Label grünes oder nachhaltiges Wachstum versucht, es ist Augenwischerei. Wachstum bedeutet Mehr. Es hilft nur der Tritt auf die Bremse. Jeder zuerst bei sich und in seinem Umfeld.

Die mühevollen und teilweise zerstreuten Diskussionen in den Arbeitsgruppen im Anschluss an den Impulsvortrag haben gezeigt, wie schwer es ist, sich diesem Thema gesellschaftspolitisch zu nähern. Hoffungsvoll setze ich da auch auf den von Welzer beschriebenen Ausstrahlungseffekt weniger, die der Sand im Getriebe sind und langsam einen Stein ins Rollen bringen.

Frank Walther, 30. September 2014

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